Karl VierordtDie ersten Untersuchungen zu unserem System finden sich schon im 18. Jahrhundert, aber erst 1890 sollte der Arzt Karl Vierordt in Berlin die erste Posturologie-Schule gründen; und es war der nämliche Vierordt, der 1860 unseren in aufrechter Haltung befindlichen Körper mit der Schwerkraft in Verbindung zu setzen begann. In den Jahrzehnten davor zielte die Forschung darauf ab, die Funktionsweise unseres Systems aufzuzeigen und einen Sinn zu entdecken, der unsere aufrechte Haltung begründen würde, wie Bell ihn 1837 postulierte: „Wie vermag der Mensch gegen den Wind, der gegen ihn bläst, eine gerade oder geneigte Haltung beizubehalten? Er besitzt offenkundig einen Sinn, mittels dessen er die Neigung seines Körpers erkennt und der in der Lage ist, alle Abweichungen von der Senkrechten zu justieren und zu korrigieren“. Im Jahre 1828 zeigte Flourens die Bedeutung des Vestibulum, im Jahre 1853 bemerkte Romberg, dass die posturalen Schwankungen stärker sind, wenn die Sicht verdeckt, aber auch wenn die Stützfläche reduziert wird, und im Jahre 1861 erläuterte Longet die Bedeutung der Eigenwahrnehmung der paravertebralen Muskeln; doch erst 1916 anerkannten die französischen Neurologen um Pierre Marie zum ersten Male die Existenz einer posturalen Erkrankung. Trotzdem musste man auf die Siebzigerjahre warten, als Nashner LM, ein junger Student der Ingenieurswissenschaften in Cambridge, sich entschloss, über das System der posturalen Kontrolle zu dissertieren, und eine Apparatur schuf, die geeignet war, die Bewegungen des Schwerpunkts des Probanden zu ermitteln, was in Frankreich zur Gründung unzähliger Denkschulen führte, die alle darauf aus waren, die Funktionsweise des posturalen Systems zu erklären. Zum Unterschied vom vorangegangenen Jahrhundert, in welchem man einen einzigen Sinn suchte, der das System lenkte, versuchte man, gestützt auf einen kybernetischen Ansatz, eine ganzheitliche Sicht auf unseren Körper zu geben.
In enger Analogie zum Computer hat das posturale System einen (sinnlichen oder sensorischen) Empfang, eine Verarbeitung, eine motorische Programmierung und eine Kontrolle der motorischen Funktionen durch Rückkoppelung. Der Regelkreis kann zu einer programmierten Änderung des Systems oder zu einer Korrektur einer zufälligen Änderung durch Gewährleistung der relativen und fluktuierenden Stabilität des Systems führen. Auf der Grundlage dieser Annahmen entstanden Anfang der Achtzigerjahre die verschiedenen Theorien, deren wichtigste sind: das système postural fin von Dr. Pierre Marie Gagey, einem Arbeitsmediziner, der in Paris „Die französische Posturologie-Schule“ gründete und die Grundlagen der Stabilometrie, des Zweiges der Posturologie, der sich mit Gleichgewicht des auf den Füßen stehenden Menschen beschäftigt, legte; das système tonique postural von Dr. Bernard Bricot, einem Orthopäden, der in Marseille das „Collège international d’étude de la statique“ gründete und das Verhältnis zwischen dem Ungleichgewicht der Rezeptoren, die Asymmetrien beim Stehen auf den Füßen und chronische Schmerzen des Stütz- und Bewegungsapparats untersucht.
Beide sehen die Augen und die Füße als die hauptsächlichen Esorezeptoren des Systems an.
Zur gleichen Zeit begann in Lissabon Dr. Orlando Alves da Sylva, ein Augenarzt, gemeinsam mit Dr. Martin da Cuhna, die Veränderungen des posturalen Systems mit Hilfe von optischen Prismen zu untersuchen; heute hat die Schule von Dr. Da Sylva die besten Ergebnisse in Bezug auf Dyslexie erzielt. Schließlich haben wir die Theorie von Dr. Michel Clauzade, der behauptet, der Kopf sei der Ausgangspunkt der gesamten posturalen Organisation, wonach die Körperhaltung vom Gleichgewicht zwischen dem primordialen (kraniosakral-mandibulären) System und dem kompensatorischen peripheren Regulierungssystem (Gagey) abhängt. Klar, dass jeder Zweig seine eigene Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen versucht; aber alles geht in die zwei wesentlichen Theorien ein.
Und all das nur, um zu dokumentieren, was sich Bell schon 1837 fragte. Es setzt voraus, dass das posturale System sich in ständiger Anpassung befindet, im Bestreben, der Einwirkung der Schwerkraft und des Bodenwiderstands standzuhalten. Dieselben Denkschulen versuchten zu verstehen, wie man das posturale System konditionieren könnte, um es wieder ins Gleichgewicht zu bringen und folglich Erkrankungen wie Schwindel oder posturale Instabilität behandeln zu können, stets im Hinblick auf neurologische Erkrankungen ohne Befund und weniger unter Bedachtnahme auf die Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats. Der Einzige, der bereits seit 1983 vermutete, dass das Ungleichgewicht des posturalen Systems den Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats zugrunde liegen könnte, ist Dr. Bernard Bricot, aber es gibt in der Literatur keine Belege, die diese These bestätigen würden. Im Jahr 2000 schließlich begann Dr. Antonio Fimiani, ein Physiater, der sich die verschiedenen Theorien aneignete und der Theorie von Bricot folgte, indem er annahm, dass die verschiedenen Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats wie genu recurvatum (Abb. 1), X-Beine (Abb. 2), O-Beine (Abb. 3), Plattfüße (Abb. 4), skoliotische Haltungen (Abb. 5), Okklusionsstörungen (Abb. 6) oder die idiopathischen Skoliosen (Abb. 7) als Folge des Ungleichgewichts der Muskelketten angesehen werden können, welches die Skelettanpassungen hervorruft, die Erkrankungen mit bloßer Rezeptorentherapie zu behandeln und deren zeitliche Entwicklung mit klinischen Untersuchungen, Bildaufnahmen, Video, radiographischen und stabilometrischen Untersuchungen zu dokumentieren. Heute ist Dr. Fimiani der weltweit Erste, der Kenntnis von den Möglichkeiten hat, über die unser System zur Korrektur seiner eigenen Fehler verfügt.